Mit Volldampf zur Freiheit

(Offenburger Tageblatt, 22. März 2008)

Friedrich-Naumann-Stiftung erinnert an Revolution von 1848 / Offenburg war Knotenpunkt

Zum 160. Mal jährt sich in diesen Tagen die bürgerlich-demokratische Revolution von 1848. Einer der Hauptorte der Freiheitsbewegung war Offenburg. Die Friedrich-Naumann-Stiftung erinnerte am Jahrestag der »Großen Volksversammlung« in der historischen Versammlungsstätte Salmen in Offenburg mit einem Festakt an das Ereignis.

VON MICHAEL HAß

Offenburg. Es gibt nicht viele Städte in Deutschland, die von sich sagen können, sie hätten deutsche Geschichte geschrieben. Für Offenburg trifft dies zu: Von 1847 an schaute man in deutschen Landen drei Jahre lang intensiv auf die Stadt, die zum Zentrum des Aufstandes wurde. Dreimal war die Stadt zwischen 1847 und 1849 Schauplatz revolutionärer Ereignisse, die letztlich den Grundstein für die Weimarer Verfassung bedeuteten. Die FDP-Bundestagsabgeordnete und Offenburger Stadträtin Sibylle Laurischk erinnerte daran, dass im selben Saal, wo die 13 Forderungen des Volkes proklamiert wurden, 1938 die Verfassung mit den Füßen getreten wurde. »Das hohe Gut der Freiheit muss immer wieder verdeutlicht werden.« Das haben sich die Liberalen zur Aufgabe gemacht.

Hans-Georg Wehling, Professor für Politik an der Universität Tübingen, bezeichnete den Salmen als ein »Monument badischer Geschichte« und verdeutlichte in seinem Vortrag die Bedeutung der Stadt für die deutsche Freiheitsbewegung. Aber warum gerade die Kleinstadt zwischen Freiburg und Karlsruhe? »Mit Volldampf zur Freiheit«, zitierte Wehling eine wissenschaftliche Arbeit von Wolfgang Gall, Leiter des Offenburger Stadtarchivs, und betonte den Stellenwert der Eisenbahnstrecke, die 1847 von Mannheim bis Schlingen führte. Offenburg war Knotenpunkt.

Etwa 10 000 Menschen verwandelten am 19. März 1848 den Marktplatz in ein freudiges Forum. »Impuls war die Februarrevolution in Frankreich«, so Wehling, der den Rhein nicht als Grenzfluss, sondern als Einfluss von freiheitlichen Gedanken bezeichnete. Die Teilnehmer gipfelten ihre Forderungen in einem Flugblatt, das die Runde machte: Es ging um Presse-, Lehrfreiheit sowie Glaubensfreiheit und eine progressive Einkommenssteuer.

Festveranstaltung „160 Jahre Freiheitsrevolution“ in Offenburg.
V.l.n.r.: Jochen Merkle, Prof. Dr. Hans-Georg Wehling, Dr. Wolfgang Gerhardt MdB, Sibylle Laurischk MdB und Manfred Kratzer
Foto: Regionalbüro Stuttgart

Basis für Volksaufstand

Die örtlichen Gesang-, Turn- und Lesevereine bildeten das organisatorische Gerüst der Regierungsgegner. Aus ihnen ging im Jahr darauf die Basis für den Volksaufstand hervor. Zum landesweiten Obmann der Vereine wählte die Versammlung Friedrich Hecker. »Viele glaubten, dass die Forderungen friedlich durchgesetzt werden könnten.«

Am 12. und 13. Mai 1849 trafen sich zwischen 35 000 und 40 000 Anhänger der Republik in der Stadt. Sie forderten, dass das Parlament die »gesamte Rechts- und Machtvollkommenheit« erhalte und von »sämtlichen« Staatsbürgern gewählt werden soll. Diese dritte Offenburger Versammlung bildete zusammen mit der Rastatter Soldatenrebellion den Anlass für die Flucht des Großherzogs. Die Revolutionäre zogen von Offenburg nach Rastatt und Karlsruhe und übernahmen dort die Regierung. Die »provisorische Revolutionsregierung« blieb nur kurze Zeit an der Macht. Im Juli 1849 beendeten die Truppen des Deutschen Bundes den »Traum von der Freiheit« mit militärischer Gewalt.

Wolfgang Gerhardt, ehemaliger Partei- und Fraktionschef der FDP, ist seit 2006 Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung. Der 64-jährige Bundestagsabgeordnete würdigte die Risiken, die die Menschen vor 160 Jahren für die Freiheit eingegangen sind und appellierte, Herausforderungen unserer Gesellschaft mehr als Chance, denn als Bedrohung zu sehen. »Was unserer Gesellschaft fehlt, ist die freiheitliche Vision eines Gemeinwesens, das von selbstbewussten Bürgern getragen wird, die sich nicht zuvorderst als Staatskunden empfinden.« Manche Bürger würden vom Staat zu viel und von sich selbst oft reichlich wenig erwarten.

Der Beifall war ihm sicher. Wolfgang Gerhardt sprach frei und verglich immer wieder die heutige Gesellschaft mit der Freiheitsbewegung vor 160 Jahren. »Den Bürgern muss ihr eigenes Leben wieder zurückgegeben werden. Die Politik darf sie nicht daran hindern, ihre eigenen Angelegenheiten zu erledigen.« Das erfordere Mut und Standhaftigkeit. Beide Attribute seien der Gesellschaft verloren gegangen.

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